Franz Christoph Schiermeyer

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VERSCHWIEGENER WUNSCH -
VERWÜNSCHTES SCHWEIGEN

 

Frühe Prosa und Gedichte
in alphabetischer Reihenfolge, Paperback,
56 Seiten, ISBN 9783752869033; 5,80 €
(unter demselben Titel 1977 und 1982 mit teils
unterschiedlichem Inhalt im Eigenverlag)

Hier erhältlich

Auch im Sammelband Gedichte enthalten

 


 

INHALT

 

Ahnung

Ich seh sie schon wieder
treiben, die Blätter

Ich seh sie schon wieder
fallen, die Nacht

Ein Wort, kaum bedacht
ein Blick, allzu sacht

wird bringen das Gewitter

*

Andeutung

Es ist ein
ganz anderer Weg
Es ist ein ganz anderes Leben
Es ist eine andere Art zu denken
Es ist eine andere Art zu fühlen
Es ist der Weg des Herzens
Und der Weg des Herzens
ist friedvoll

*

Aufwartung

Mit fünfundzwanzig Pferden
wollte ich bei dir vorfahren
was gar nicht meine Art ist

Es sind nur vierundzwanzig
und eines lahmt - Das lass uns
pflegen und nachhause tragen

*

Begegnung

Auf dem Weg zur Arbeit
fand ich einen Stein

Er war sehr schüchtern
und das machte mich verlegen

Nach einer Weile merkten wir
dass die Sonne uns beschien

Das löste unsere Spannung
und ich ging weiter

*

Besitz

Was ich sehe
gehört mir

Ich habe an
allem Anteil

Aber ich halte
es nicht fest

Und ich nehme
es nicht mit

*

Blaue Stunde

Am schönsten
ist die Abenddämmerung
nicht wahr
wenn man überlegt
ob man schon
Licht anmachen soll
oder noch nicht
lieber noch nicht
es ist so still
so ruhig
Autos fahren vorbei
und Fenster werden
zugeschlagen
wenige und weit entfernt
doch drüben
ist schon alles
dunkel -
nicht wahr?

*

Blumenmädchen

Unter den Asphalt
möchte sie Löwenzahn streuen

In die Schaufenster
möchte sie Granatäpfel werfen

Die Häuser möchte sie
in Efeu ersticken

Die Tiefgaragen möchte sie
mit Pilzen bedecken

Vor die Autos möchte sie
Buchsbäume pflanzen

Und in die Gesichter
Klatschmohn

*

Der Mann ohne Gesicht

Er kommt, wenn er geht
ganz nah an dich heran

Er lächelt schüchtern
er fasst dich am Arm

Er möchte was sagen
und sagt dann doch nichts

Er lächelt nur still:
Pst, sag mir jetzt nichts

Vielleicht wird er kommen
vielleicht aber nicht

Er kommt, wenn er geht -
Das ist sein Gesicht

*

Die Bäume

über die ich schreibe
gibt es nicht mehr

Ich schneide ihr Herz
in holzfreies Papier
und warte

auf Narben in Jahren

*

Ein glückliches Paar

Mein linker Schuh
passt mir ebenso wenig
wie mein rechter

Ein glückliches Paar -
meine Schuhe

*

Die Liebe

schämt sich
ihrer Einfalt nicht
und fürchtet nicht
ihr Wissen

Das zu wissen
ist gut

Auch dass es sich
mit Hass
und Dummheit
ebenso
verhält

*

Die Stadt

Hier sind wir geborgen

Hier fallen uns nicht
Wölfe an / noch Bären

Die Flüsse gebändigt
das Wetter beständig

Bleibt nur noch
die Angst vor dem Morgen

*

Etwas

Aus mir
wird nie etwas

Ich bleibe
lieber ich

*

Fabel von der großen Falle

Die Mäuse
als sie das Stück Käse
gefressen hatten
bekamen es plötzlich
mit der Angst
würgten die Reste hervor
und liefen
um ihr Leben -
bis sie vor Erschöpfung
tot umfielen

Moral:

Nicht jede Falle schnappt zu

Vorsicht ist gut -
Ängstlichkeit Käse

*

Fifth Avenue

Hier
so sagt er
möchte er sterben

Arm in Arm
mit Onkel Tom
und Doris Day

Doch wecken
soll ihn
Cassius Clay

So in der vierten
oder fünften
Runde

*

Friedfertig

Ich gestehe
ich bin nicht
friedfertig

Ich bin
mit dem Frieden
nicht fertig

*

Für dich

Der Maler schenkt
seiner Geliebten ein Bild
der Sänger ein Lied
und der Bankangestellte
drei Nullstellen
vor dem Komma

Nur der Schneider
verwünscht seine
Fingerfertigkeit und mit
ihm der Dichter:

Beide wissen
dass Kleider und Wörter
das Schönste
nur verbergen

Darum ist auch
dieses Gedicht
für alle andern
nur nicht

für dich

*

Hauptsache

Irgendwo
unterkommen

Irgendwas
unternehmen

Irgendwie
überlegen sein

Hauptsache:

drunter
und drüber

*

Kampfabsage

Ich könnte dich besiegen
Wenn ich mich mit allem auf dich werfe
Könnte ich dich besiegen
Aber ich will dich nicht besiegen
Und ich will nicht mit dir kämpfen
Ich möchte in deiner Nähe wohnen
Und an deinem Anblick mich freuen
Denn du hast mich längst besiegt
Ich bin in deiner Hand

*

Kurz über lang

Kopf über Hals
haben wir uns verliebt

Kreuz über quer
haben wir uns geliebt

Kurz über lang
werden wir Ordnung

in die Sache bringen

*

List

Ich bin
auf einen fahrenden
Zug gesprungen

Es hat ihn
nicht gestört

Ich komme voran
mit Tempo

*

Lebensabend

Von dem Kind
das im Nachbargarten
Blindekuh spielt
habe ich noch die
Ururgroßmutter gekannt

Jene Oma Rieke
die zahnlos und in schwarzen
Frühlingskleidern schon
frühzeitig die Weisheit
der Steine angenommen hatte
die Gesprächigkeit des Flusses
und die Weitsichtigkeit
der fast Erblindeten

Da hockt sie nun
mit ihren prächtigen Zähnen
in ihren bunten Kleidern
und spielt schon wieder
Lebensabend

*

Macher


Der Schuhmacher
macht Schuhe

Der Hutmacher
macht Hüte

Der Uhrmacher
macht Uhren

Der Regenmacher
macht Regen

Nur der Macher
macht nichts

*

Manchmal

erschrecke ich
wie wenig
ich dich kenne:

Wenn du geduldig
bist und stark

Oder lächelst
wie ein Kind

Dann stehe
ich beschämt
und wage

nichts zu sagen

*

Mittagsruhe

Die Wand da drüben
aufhacken
Silbe für Silbe
mit einem
Maschinengewehr
oder Presslufthammer
tak tak tak
dass der Kalk nur so
aufspritzt
und Stille wird

*

Nach dem Gasangriff

vertrauen
die Soldaten
den Generälen
blind

*

N tr n nb mb

N chts m hr
ls
K ns n nt n

*

Nur eine Frage

Angenommen
du seist
Schneewittchen

und ich wär
der Prinz -

Wer führte
uns dann
in ein neues
Märchen?

*

Ohne Worte

Früher
hatten wir uns
so viel
zu sagen

wir kamen
der Stille
ganz nah

Dann begannen
wir zu reden

jetzt sind wir
nur stumm

*

Sonntagnachmittag

In der Sonne liegen
An nichts denken
Träumen vielleicht
Vielleicht auch nicht -
Morgen ist Dienstag

*

Standbild

Sie haben
dich
gut gekannt

So bist
du
gewesen -

Aus Stein

*

Traum

"Komm wieder,
wenn du
wach bist"

sagte der Traum,
den ich
träumen wollte:

"Ich bin der
Traum
vom Wachsein"

*

Ungleiches Paar

Ich kann
dich nicht lieben
bekannte der Hass
der Liebe

Und ich
dich nicht hassen
gestand ihm
diese

*

Unterwegs

Wir waren
mit dem Fahrrad unterwegs
und die Straße war steil
Links und rechts standen Obstbäume
dazwischen Telegrafenmasten
und später dann Häuser
Gegen Mittag machten wir Rast
wir aßen und tranken
und niemand
wusste mehr genau zu sagen
ob wir die Straße
heraufgekommen waren
oder herab

*

verschwiegener wunsch

in die wodurch
geängstigte seele


zwischen den zeilen
ihr aufenthalt

räuspern – ein griff
in die schnürenkehle

lösendes wort

*

Was ich wem wünsche

Den Juden
das Himmelreich

Den Indianern
das Paradies auf Erden

Den Moslems
das Nirwana

Den Christen
die ewigen Jagdgründe

Den Buddhisten
den siebten Himmel

Den Kommunisten
Abrahams Schoß

Und mir? -
Sie da zu wissen.

*

Weitblick

Als der Mensch auftrat,
lernten die Vögel fliegen,
die Fische sprangen ins Meer
und das Mammut gab auf

Die Würmer verschwanden
unter die Erde -

Sie dachten am weitesten

*

Wieder verlassen

besinne ich mich
des Ursprungs
meiner Gedichte
und ritze ein neues
in den Wind

 


 

Ungereimtes in Versen | Ein kleines Kind
Baader, Schmock & Immelmann | Sammelband Gedichte

 

GEDICHTE

Ungereimtes in Versen

Ein kleines Kind

Baader, Schmock &
Immelmann

Verschwiegener Wunsch -
verwünschtes Schweigen

Sammelband Gedichte

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