Franz Christoph Schiermeyer

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384 Aphorismen, Paperback,
92 Seiten, ISBN 9783752830989; 8,80 €

Hier erhältlich

Auch im Aphorismen-Sammelband enthalten

 


 

INHALT

 

Zwischen den Zeilen ist unterm Strich.

*

Beim Aphoristiker:
Darf´s etwas weniger sein?

*

Die Dinge sind, wie sie sind.
Aber wer macht sie so?

*

Alle Freundlichkeit ist aus der Welt.
An ihrer Stelle nur noch:
Was kann ich für Sie tun?

*

Früher war alles besser.
Aber nichts gut.

*

Ein Provinznest.
Mit reichlich Kuckuckseiern.

*

Ein Verstand, so scharf wie ein Messer.
Leider neben einem Teller Suppe.

*

Nur eine Ausnahmesituation!
tröstet sich das gerupfte Huhn.

*

Der Ängstliche fürchtet Personen.
Der Furchtlose Situationen.

*

Keine Angst, sagte die Würgeschlange
zum Warzenschwein:
Ich habe alles im Griff.

*

Passionsspiel.
Der Oberammer-GAU.

*

Geistliche sind Gläubige,
die dem lieben Gott gern mal zu nahe treten.

*

Je geringer die Gefahr ist, daran sterben zu müssen,
desto frömmer hängen die Leute am Kreuz.

*

Der Katholizismus ist ein Geschenk,
für das man sich sein Lebtag bedanken kann.

*

Die Bibel. Eine äußerst
strapazierfähige Auslegeware.

*

Ob es einen Gott gibt, ist seine Sache.

*

Der Comedian.
Er bricht in einen Scherz aus.

*

Die Kirchen. Miteinander über Kreuz.

*

Boulevardzeitung.
Eine Überschrift ohne was drunter.

*

Weltenbummler: Globetrottel.

*

Lärm macht laut.

*

Schweigen kann man auch allein.
Zur Stille braucht es zwei.

*

Die irrige Vorstellung, Stille durch Ruhe
wiederherstellen zu können.

*

Er denkt so tief - und ist ein so stilles Wasser -,
dass seine Frau ihm strikt verboten hat,
allein in die Badewanne zu steigen.

*

Täglich bügelt sie ihm seine Sachen auf.
Er ist aber noch nicht aus der Tür,
schon legt er seine Stirn wieder in Falten.

*

Keine Stille gleicht der anderen.

*

Rede sich, wer kann!

*

Für ein Echo riskiert mancher
seinen Ruf.

*

Dass in Büchern sehr viel mehr geblättert
als gelesen wird, unterstreicht nur
ihre unmittelbar erfrischende Wirkung.

*

Aphorismen dürfen einander widersprechen.
Das unterscheidet sie von Leersätzen.

*

Neue deutsche Rechtschreibung:
rau und ro.

*

Aus Ernst kann leicht Spiel werden.

*

Ratschlag eines Aphoristikers:
Nimm in Augenschein und zieh in Betracht!
Du musst nicht alles fokussieren.

*

Modalitäten. Er befindet sich stets
in einem anderen Modus.

*

Fokusmodushokuspokus.

*

Dem Humanen am nächsten
ist der Humor.

*

Im Scherz liegt aller Ernst der Welt.
Im Ernst ihr ganzes Elend.

*

Arztbesuch. Wenn der Kranke sich
zum Armen schleppt.

*

In der Medizin sollen künftig verstärkt
künstliche Kunstfehler zum Einsatz kommen.

*

Sie begeistert sich für Krankheiten jeglicher Art,
kann sich aber für keine entscheiden.

*

Die Zeit, die er dem Tod
durch regelmäßige Gymnastik abtrotzt,
fristet er mit Kniebeugen und Liegestützen.

*

Keine Zeit zu haben, ist das Kennzeichen
einer vergeudeten Existenz.

*

Jeder weiß, dass er sterben muss.
Aber nicht alle glauben daran.

*

Ein Auto ist das schnellste Mittel,
die weitesten Umwege zu machen.

*

Sein Auto ist so verletzlich,
dass er einen Verbandskasten
stets bei sich führt.

*

Es soll Leute geben, die ihr Auto
als Gebrauchsgegenstand misshandeln.

*

Ein-Euro-Job.
Eine kleine Habachtstellung.

*

Arbeitsagentur. Karrierefreier
Zutritt zu allen Räumen.

*

Der Rückwärtsgang ist eine vertrauensbildende
Maßnahme zwischen den verfeindeten Autofahrern.
Gebraucht wird er eigentlich nicht.

*

Die Gaffer weiden das Opfer aus.

*

Tragödien rangieren in der Publikumsgunst
noch vor den Komödien.

*

Der Bedarf an Bedürftigen
scheint stetig zu wachsen.

*

Wenn das Maß voll ist,
wird zur Mäßigung aufgerufen.

*

Es genügt, das Wort dann zu ergreifen,
wenn man sprachlos ist.

*

Sprache ist ständig im Fluss.
Und alle Zuflüsse sind stark belastet.

*

Zurecht misstraut er der Sprache.
Jahrelang hat sie ihn verraten,
und er hat es nicht gemerkt.

*

Pseudokrupp?
Völlig aus der Luft gegriffen.

*

Alles Endlose erschreckt. Nur immer
glücklich glaubt jeder sein zu können.

*

Es steht ihm auf der Stirn geschrieben,
dass er sie jedermann bieten will.

*

Die meisten Geehrten übersehen die Schleife
am Lorbeerkranz: Ein letzter Gruß.

*

Die letzte Ehre ist für manchen die erste.

*

Der Verweis auf den noch Ärmeren
macht den Armen noch ärmer.

*

Erfolge an der Arbeitsmarktfront!
Eine Stellung nach der anderen genommen.

*

Die Piratisierung der staatlichen Betriebe
ist schon erfreulich weit fortgeschritten.

*

Lass dich ruhig für dumm verkaufen!
Das eröffnet konspirative Möglichkeiten.

*

Galeerensklaven haben jedes Recht,
aus dem Ruder zu laufen.

*

Nicht alles, was wir wahrnehmen,
wollen wir dann auch wahrhaben.

*

Zwei linke Hände
sind kein Ausweis von Geistesgröße.

*

Wenn alle an einem Strang ziehen,
braucht man keinen Henker.

*

Wo Hand in Hand gearbeitet wird,
hat keiner eine frei.

*

Er meditiert sich locker in den Schneidersitz,
ergreift dann aber weder Zwirn noch Faden.

*

Die Ausschreibung für den Sprecherposten
war erfrischend offen ausgefallen:
Geschickter Lügner gesucht.

*

Lügen wie gedruckt.
Etwas für Anfänger in vorvirtueller Zeit.

*

Öffentlich ist er von seiner Meinung abgerückt.
Aber heimlich hält er noch Kontakt.

*

Er ist noch nicht sicher im Lügen.
Er glaubt sich noch nicht alles, was er sagt.

*

Selbstzensur. Die Schere im Kopf
geht immer weiter auseinander.

*

Wer die natürliche Intelligenz vertreibt,
erhält die trainierten Schlaumeier.

*

Von Leuten, die sich nicht zu Beginn ihrer Rede straffen,
darf man einen unendlichen Sermon erwarten.

*

Die Gedankengänge, in die er einlädt, sind so niedrig,
dass man sogar bäuchlings seinen Kopf anstößt.

*

Öffentliche Kopfgeburt.
Achtung, es folgt noch die Plazenta!

*

Eine bessergestellte Frage.
Mit Anspruch auf eine affektierte Antwort.

*

Showdown. Sie gehen aufeinander zu.

*

“Mach dir keinen Kopf!" Ich bemühe mich.

*

Je mehr einer redet,
desto unredlicher wirkt er.

*

Die Chemie zwischen ihnen stimmt.
Es kommt regelmäßig zur Explosion.

*

Je dümmer ein in ein hohes Amt gelangter Mensch ist,
desto lauter schwillt das Geraune, wie klug er insgeheim sei.

*

Er hat eine klare Botschaft.
Kann sie aber nicht ausrichten.

*

Am geschwätzigsten sind die Menschen,
die auf die Redseligkeit anderer hinweisen.

*

Das Ziel der Macht ist die Macht.
Nicht über lästige Bürger,
sondern über gefährliche Konkurrenten.

*

Die mächtigsten Leute
haben die eifrigsten Fürsprecher.

*

Die größte Macht wird mit den geringsten Mitteln errungen.
Die geringste mit den größten verteidigt.

*

Ich gestehe: Gegen den jeweiligen Innenminister0
bin ich voller Ressortiments.

*

Am beliebtesten beim Reiseweltmeister
ist der Außenminister. Gleichgültig,
wohin er warum reist.

*

Die sattsam bekannte Unleidlichkeit
des Außenministers rührte her aus dem ständig
in seiner Brust tobenden Widerstreit, was prächtiger wäre:
das Amt durch ihn oder er durchdas Amt.

*

Er hat sein Profil geschärft.
Wann immer sich ein Blick auf ihn richtet,
reckt er energisch das Kinn vor.

*

Ab und zu lässt der Mächtige ein freundliches Wort fallen.
Und registriert genau, wer sich noch danach bückt.

*

Am Hofnarren interessiert den Mächtigen nur,
wie er seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

*

Die Fenster der finstersten Figuren
sind am festlichsten erleuchtet.

*

Gipfeltreffen. Zunächst gilt es,
das gemeinsame Gezetere festzulegen.

*

Der Empfang.
Lauter hochgradig geladene Gäste.

*

Parlamentarismus. Das Plenum ein Vakuum.

*

Täten ernsthafte Politiker, was sie insgeheim
für notwendig hielten, würden sie
jede Misswahl gewinnen.

*

In manchen Ländern sind die Wahlen
so geheim, dass niemand weiß,
wann welche stattgefunden haben.

*

Nach der Wahl.
Nur ein paar geplatzte Regierungswechsel.

*

Unerwünschte Mehrheitsentscheidungen
gelten der Minderheit als populistisch.

*

AfD? Man kann es
nicht allen rechts machen.

*

Germanisch-depressiv.

*

Der Nichtwähler
ist das bequemste Ziel untätiger Politik.

*

Rechts von ihm darf es keine Partei geben.
Und links auch nicht.

*

Karriereleiter. Die unten festhalten,
geraten schnell aus dem Blick.

*

Das Volk ist das Souterrain des Staates.

*

Große Koalition.
Wertkonservative und Wertfreie.

*

Er dankt seiner Frau und seinen Wählern.
So wahr ihm Gott helfe!

*

Nicht jeder elder statesman
war zuvor ein edler Staatsmann.

*

Gib acht, dass der, der seinen Hut nimmt,
kein Kaninchen daraus zaubert.

*

Rücktritt vom Rücktritt.
Der Süchtige bleibt allzeit gefährdet.

*

Er hat sein Gesicht verloren.
Und jetzt sollen alle ihm beim Suchen helfen.

*

Kein Staat, viel Ehrenamt.

*

Der alte Fuchs ergreift das Wort
und spricht in Richtung der jungen Hasen:
Ich bitte doch sehr um konstruktive Kritik,
was meine Fressgewohnheiten angeht!

*

Aus einer Versammlung der Chamäleons.
Wer wird als erster rot?

*

In jedem Chamäleon
verbirgt sich ein wahrer Löwe.

*

Die Satire räumt das Feld.
Von Tretminen.

*

Ein Aphoristiker braucht keinen Witz
für eine Pointe.

*

Entschuldigung. An manchen Tagen fliegen einem
Gedanken zu wie Mückenschwärme im Sommer.
Es ist unmöglich, sie alle auf einmal totzuschlagen.

*

Aphorismen sind die zitierfähigen Kurzfassungen
verworfener Gedanken.

*

Sie haben sich kennengelernt.
Alles Gelernte aber bald wieder vergessen.

*

Die drei Affen.
Alles hören, alles sehen, alles sagen.

*

Wie ärgerlich! Nicht einmal
alle Pflanzen sind Vegetarier.

*

Beobachtung im Zoo:
Ein Papagei lehrt jeden reden.

*

Katzen halten sich lieber
eine Frau als einen Mann.

*

Klappern gehört zur Schlange.

*

Federn, die nicht beflügeln,
sind ein zweifelhafter Schmuck.

*

Eheschließung. Beide vertrauen darauf,
zur Not vom anderen verlassen zu werden.

*

Sie macht ihm eine Szene.
Und er daraus ein Drama.

*

Sie erwidern sich an.

*

Nach der Scheidung.
Wo haben Sie gedient?

*

Kaminholz. Hinter jedem Haus
ein gewaltiger Scheiternhaufen.

*

Er zeigte sich ihrer Fürsorge
nicht gewachsen.

*

Wie jeder weiß,
tut sie sehr viel Gutes im Verborgenen.

*

Sie muss immer
das letzte Schweigen haben.

*

Sein Gewissen ist rein wie ein Taufkleid.
Und täglich zwängt er sich neu hinein.



Die Unschuld ist ein Kleid,
das erst wieder passt,
wenn man aus ihm herausgewachsen ist.

*

Das reine Gewissen?
Eine allzu abstrakte Vorstellung.

*

Er musste sein Gewissen wegwerfen.
Es war schlecht geworden.

*

Angesprochen auf ihre Schuld,
fallen die meisten Täter
in tiefe Bewusstlosigkeit.

*

Was nützt es, jemanden zur Vernunft zu bringen,
wenn er anschließend nicht bei ihr bleiben will?

*

Das Unschuldslamm.
Kennen Sie andere Lämmer?

*

Eine zündende Idee allein reicht nicht.
Man muss auch genügend Stroh im Kopf haben.

*

Feuerwerke brennt sie nicht gerade ab.
Aber mit schöner Regelmäßigkeit
geht ihr ein Teelicht auf.

*

Ein ordentlicher Tischler würde sich
einer unbequemen Wahrheit sicherlich schämen.
Ein ordentlicher Professor lässt sich bequem
auf ihr nieder.

*

Der Schaden, den er regelmäßig anrichtet,
hielte sich in Grenzen, verzichtete er anschließend
auf alle Rettungsversuche.

*

Prinz Tollpatsch.
Mit der Tür ins Schloss gefallen.

*

Er ergriff die Gelegenheit beim Schopfe,
bekam sie aber nur bei der Frisur zu fassen.

*

Heiratet eine Prinzessin, fühlt sich die Erbse
unter ihrer Matratze angenehm beteiligt.

*

Bildungsbürgertum.
Anerlesener Geschmack.

*

Doctor honoris causa.
Ein ausgezeichneter Bekanntheits-Grad.

*

Ein Orden erster Klasse. Am Gängelband.

*

Preis-Verleihung. Der Geehrte sinnt darauf,
wie er dem Rückgabetermin
aus triftigem Grund zuvorkommen kann.

*

Es gibt Autoren, die überschreiben ihre Bücher nur.
Andere verleihenihnen sofort die ehrenvollsten Titel.

*

Viele seiner Aphorismen gehen schon
in die sechste oder siebte Auflage. So häufig
schreibt er sie in sein Büchlein hinein
und wieder heraus.

*

Er ist bemüht, seine Texte so abzufassen,
dass jeder, der sie überfliegen will, mit Sicherheit
ins Trudeln gerät und zuverlässig abstürzt.

*

Im Leben eines anderen findet man sich
stets besser zurecht als in seinem eigenen.

*

Von denen ohne jede Hoffnung werden die
allerhöflichsten Redewendungen erwartet.

*

Wenn er kindlich nicht bleiben
und erwachsen nicht werden darf,
wird der Mensch irgendwann kindisch.

*

Die Kindheit ist das
am weitesten verbreitete Schicksal.

*

Kinder müssen alles anfassen.
Erwachsene alles andenken.

*

Gibt es etwas Schändlicheres,
als ein Thema nur mal kurz anzureißen
und dann halbtot liegenzulassen?

*

In der Schule. Mancher bekommt
nur Wunden beigebracht.

*

Altersweisheit ist die Form von Dummheit,
zu der ein Kind erst noch heranreifen muss.

*

Sie gibt ihr Alter mit einer Anzahl von Jahren an,
die eher durch Subtraktion als Addition
zustande gekommen zu sein scheint.

*

Das Rabenkind liebt niemanden mehr
als seine Rabenmutter.

*

Was einem die eigene Mutter ist,
wissen am besten deren andere Kinder.

*

Einem halb eingeschlagenen Nagel
kann man keine neue Richtung geben.

*

Wer seine Phantasie spielen lässt,
darf sich nicht wundern,
wenn sie schmutzig nach Hause kommt.

*

Frucht der Nachhaltigkeit.
Erstes Biokind geboren!

*

Die herrlichsten Früchte werden
in der irrigen Meinung hervorgebracht,
sie seien für den Eigenverbrauch bestimmt.

*

Er tut alles dafür, dass seine Kinder
es später einmal besser machen.

*

Mit Kindern kann man nicht viel mehr
richtig machen,als dass man sie hat.

*

Altersmilde. Er klagt
über die ersten Zimperlein.

*

Einen guten Koch
muss man sich warmhalten.

*

Manche Köche wissen gar nicht,
was sie alles anrichten.

*

Schlaraffenland ist überall dort,
wo das Zubereiten der Speisen größeres
Vergnügen bereitet als das Essen.

*

Woher nimmt das Geschmacklose
seinen Bei- und Nachgeschmack?

*

Die Traube ist süß. Die Rosine süßer.

*

Macht euch die Erde untergang!

*

Brandung. Wie heftig das Meer sich
gegen das Festland wehrt!

*

Das Universum dehnt sich nach allen Seiten aus.
Möglichst weit weg von der Erde.

*

Wohl immer gab es Menschen,
denen der Sternenhimmel nicht gefiel.
Neu ist der Typus, der ihn sich
nicht mehr gefallen lassen will.

*

Weltuntergang.
Kompetente Werbepartner gesucht!

*

Der geheime Offenbarungseid
des Johannes.

*

Götter, die sich offenbaren,
geben zu erkennen, dass sie sich
zu lange verborgen gehalten haben.



Je unseliger der Glaube, desto größer
der Drang, ihn zu verbreiten.

*

Vorstellbar ist mir eine Religion,
deren Missionare im Gegenzug
den Glauben der Bekehrten annehmen.

*

Ein zu Unrecht gelobtes Land.

*

Menschen begehen Sünden.
Götter Religionen.

*

Um die Zukunft der Religion muss einem
nicht bange sein. Die Menschheit wird sich
ständig neue erfinden.

*

Ein Gewitter, so gewaltig, dass die Protestanten
gelobten, Katholiken zu werden,
und die Katholiken Christen.

*

Glauben ist eine Frage des Wollens:
Man kann alles glauben, was man will.
Sogar das, was andere wollen.

*

Defensor fidei. Zieh in Betracht,
dass es sich um einen Pflichtverteidiger
handeln könnte.

*

Opus Diaboli. So wenig, wie sie sich
eine Religion ohne Wundmale vorstellen können,
so wenig eine tiefe Empfindung
ohne blaue Flecken.

*

Ist ein Mensch satisfaktionsfähig,
wenn er einen Gott beleidigt hat?

*

Der öffentliche Zölibatär.
Er steht in seinem Leben wie ein
verschlossener Sarg in einem offenen Grab.

*

Wofür gestorben wird,
dafür wird auch getötet.

*

Die stille Hoffnung, dass die Toten
vom Totsein mehr verstehen
als die Lebenden vom Leben.

*

Bestimmt gibt es unter den Toten jemanden,
der freiwillig über die Einhaltung
der Friedhofsruhe wacht.

*

Wie viel mehr Grund hätten die Toten,
um die Lebenden zu weinen.

*

Militarismus. Ein Glaube,
der Särge versetzt.

*

Der Mantel der Geschichte
bedeckt ihre Blößen nur notdürftig.

*

Ein Blick in die Geschichtsbücher lehrt:
Nicht ob ein Krieg kommt, war jemals die Frage,
sondern immer nur wann.

*

Mancher Zaun scheint nur errichtet,
um jederzeit einen Streit von ihm brechen zu können.

*

Krieg war gestern. Die Kunst heute besteht darin,
die Erde mit friedlichen Mitteln zu zerstören.

*

Destroyhand-Gesellschaft.

*

Machen wir noch etwas Politik
oder gehen wir gleich in die Wirtschaft?

*

Manchem Zeitgenossen
kann man nur aus dem Weg gehen,
indem man auf die Straße tritt.

*

Bald werden unsere Städte so herunter sein,
dass es am billigsten kommt,
sie in Gedenkstätten umzuwidmen.

*

Deutschland hat beste Beziehungen
zu allen Herrenländern.

*

Der Bundespräsident.
Das leibliche Oberhaupt der Deutschen.

*

Was zu Deutschland gehört,
zeigt die Landkarte.

*

Deutschland wird am Hindukusch verteidigt.
Genauer: die Bundeswehr.

*

“Ein Hemd, das vorletzte Woche sauber war,
kann heute nicht schmutzig sein."

*

Er tat so überrascht, dass man vor Staunen
gern woanders gewesen wäre.

*

Wir leben in schlechten Zeiten:
Die Guten schämen sich.

*

Wer nicht im Guten solidarisch sein will,
wird es im Bösen.

*

Die man nicht beschämen kann,
von denen muss man sich trennen.

*

Einen Menschen abgewandt sich schnäuzen
zu sehen, nimmt hilflos für ihn ein.

*

Niemand ist so lästig präsent wie der,
der nur auf sein Fortkommen bedacht ist.

*

Je intensiver einer an sich denkt,
desto schneller vergisst er sich.

*

Manager: Millionizionäre.

*

Banken & Versicherungen.
Hart im Nehmen.

*

Der Finanzberater. Er hat
eine exzellente Hinterziehung genossen.

*

Auch der Vorwurf, korrupt zu sein,
wird gern persönlich genommen.

*

Der Bank-Nachbar aus Schulzeiten.
Heute schreibt er von der Steuer ab.

*

Der Lobbyist. Voller bestechender Ideen.

*

Kranke Anliegen
müssen herangetragen werden.

*

Die Börse gibt täglich Anlass
zu den wildesten Spekulationen.

*

Der Profit gilt nichts im eigenen Land.



Seine Absichten sind nicht
halb so lächerlich wie seine Ansichten.

*

Ein ganz übler Rankingschmied.

*

Nicht in jedem Haus ist willkommen,
wer etwas an den Füßen hat.

*

Bedürfnisse richten sich selten
nach dem Bedarf.

*

Es heißt, unsere Gesellschaft werde
immer kälter. Dafür erwärmt sich das Klima.

*

Großfamilien sind Verbände ohne klare Strukturen:
Man weiß nie, ob man noch zu den nahen
Angehörigen zählt. Oder schon
zu den entfernten Verwandten.

*

Der Monsignore. Ein rechtschaffener Arbeiter
im Weinkeller des Herrn.

*

Nicht jeder Winzer versteht es,
Wein in Wasser zu verwandeln.

*

Alkohol: Trinkelizer.

*

Wie kann das Fleisch stark sein,
wenn der Geist willig ist?

*

Vor einer Versuchung ist man so lange sicher,
wie die Wirkung, ihr erlegen zu sein,
gerade noch anhält.

*

Alles, was ein Mensch unternimmt,
soll seiner Beruhigung dienen.
Auch das Aufregendste.

*

Alkoholismus.
Die Grenzen sind fließend.

*

Aufgespritzte Lippen.
Ihre aerogene Zone.

*

Ein freundliches Gesicht
ist anziehender als ein schönes.

*

Asketen fürchten nur eins:
Ihr Fett abzubekommen.

*

Es gibt kein größeres Geschenk
als die letzte Zigarette
aus der letzten Schachtel.

*

Jemanden grüßen, ist selten mehr als
reine Höflichkeit. Jemanden bewusst nicht grüßen,
kaum weniger als ein Verbrechen.

*

Unterlassenes wiegt in der Regel
schwerer als Begangenes.

*

Rechtslage. Muss man einem Mörder
zu verstehen geben, dass man nicht
erschlagen werden möchte?

*

Rufmord.
Das Echo plädiert auf Totschlag.

*

Gesetzlosigkeit ist gerechter
als Rechtsbeugung.

*

Fachleute bevorzugen Schubladen.

*

Eine zum Himmel schreiende Gerechtigkeit.

*

Wer keinen Vergleich scheut,
erspart sich das Urteil.

*

Der Prozess der Gesetzgebung
wird von denen gewonnen,
die über die einflussreicheren Lobbyisten verfügen.

*

Die Lücken des Gesetzes haben sich
hinter dem Gefangenen geschlossen.

*

Nach der Haftentlassung.
Unbekannt vollzogen.

*

Ein offenes Gesicht ist die perfekte Maske.

*

Vorratsdatenspeicher. Wie nachlässig!
Meine Tastatur ist voller Fingerabdrücke.

*

Selbstzweifel, die einen beschleichen,
lassen sich bequem ignorieren.

*

Einen Fehler einzugestehen,
fällt leichter als eine Verfehlung.

*

Wenn die Leute meinen, etwas zu wissen,
glauben sie, einem predigen zu dürfen.

*

Er will für mich beten…
Ich kann das schon selber!

*

Die wenigsten Beichten
werden von Priestern abgenommen.

*

Der Mönch. Er führt
ein Gott selbstgefälliges Leben.

*

Kloster. Behütetes Glauben.

*

Der Kardinal. Ein rechter Scharlachtan.

*

Pontifex Pilatus.

*

Das Schiff Petri. Ein alter Seelenverkäufer.

*

Manche Bischöfe sind sich
für keinen Ecclat zu fein.

*

Der Mitrakult verliert laufend
Anhänger ans Nirwana.

*

Der Besuch einer Frühmesse
ist etwas für extreme Individualisten.

*

Die Christen schlagen das Kreuz.
Und meinen den Gekreuzigten.

*

Eine Schneise der Versöhnung.

*

Die Ohrenbeichte ist gar nicht mehr gefragt.
Es wäre auch viel besser,
die Augen zur Beichte zu schicken.

*

Jegliche Art von Umkehr scheitert
an der Einladung: Du kannst
jederzeit wieder werden wie wir.

*

Der Bub Joseph hatte im gesamten Schuljahr
keinen einzigen Tag gefehlt und sonnte sich
den ganzen Sommer über im neu gewonnenen Ruf
seiner Unfehlbarkeit.

*

Nach der Auferstehung
dürfte Vielen der Sinn erst einmal
nach einer kleinen Seelenwanderung stehen.

*

Hinge der Himmel direkt über unseren Köpfen,
wollte niemand hinein.

*

Das Wort Kanonisieren erinnert
doch sehr ans Kartätschen.

*

Der Theologe. Er ist geschickt genug,
sich nicht festnageln zu lassen.
Schon gar nicht aufs Kreuz.

*

Wer ist der Nächste? fragt die Bäckersfrau.
Ich! reckt sich der Christ.

*

Täuscht euch nicht, auch die Atheisten
sprechen ihr Abendgebet! Sie schließen
nur niemanden darin ein.

*

Bei der zu erwartenden Dauer
des Jüngsten Gerichtes wird sich mancher
dankbar des Ältesten Gewerbes erinnern.

*

Ich halte das Leben nicht für solch ein Verbrechen,
dass man hinterher vor einem höchsten Richter
zu erscheinen hätte.

*

Ein ewiges Leben?
Wenn der liebe Gott nicht vorher hinwirft.

*

Theologie. Der umgekehrte Versuch,
aus Lehm Gott zu machen.

*

Was du nicht tätest, wenn es Gott nicht gäbe,
lass ihm zu Ehren sein.

*

Glaubenswächter lassen mit Vorliebe
fremde Seelen baumeln.

*

Auch der Teufel will keine Scherereien.
Fährst du zur Hölle, vergiss deinen Ausweis nicht.

*

Wer verbietet, Gott darzustellen,
hat eine allzu realistische Vorstellung von ihm.

*

Terroristen. Sensibel bis zum Anschlag.

*

Orient und Desorient.

*

Frau Gott. Ein klarer Fall von BiGotterie.

*

Menschwerdung. Gott hat sich
aus dem Staub gemacht.

*

Ein witwenhaftes Wesen, dem nur
der Richtige noch nicht gestorben ist.

*

Der Ton macht die Musik. Unglücklicherweise
hat er das absolute Gehör.

*

Ihre größten Auftritte
feierte sie an der Escala.

*

Anerkennung erfreut, Applaus beschämt.

*

Idealisten müssen nicht zwangsläufig enttäuscht
sein. Sie können auch andere enttäuschen.

*

Es heißt, sie sei gutmütig
aus reiner Bosheit.

*

Der betrogene Schmeichler.
Er ahnt nicht, wie recht er hat.

*

Was er sich früher zu Herzen nahm,
nimmt er sich heute nur noch zur Brust.

*

Eitler Sonnenschein. Ich schütze
mich mit einem Regenschirm.

*

Die Decke wird wissen, warum sie den Leuten
auf den Kopf fällt. Und nicht in den Schoß.

*

Sogar die Langeweile
hängt ihm schon zum Hals heraus.

*

Den ganzen Spaziergang über
beschäftigte ihn die Frage, ob man von einem leichten
Regen überrascht werden kann.

*

Früher ließ man seine Augen wandern.
Heute schickt man sie joggen.

*

Wer über jeden schlecht redet,
spricht von dir gewiss nicht gut.

*

Täglich kommen sommers
ein Eis- und ein Obsthändler ins Dorf.
Hält der eine, bin ich in Erwartung des anderen.

*

Ein mitfühlender Zeitgenosse.
Freundlich geht er von Tür zu Tür, stellt ein Schild auf,
entzündet eine Kerze und legt eine Blume nieder.
Auf dem Schild steht ein einziges Wort: WARUM?

*

Nicht die Träne ist sentimental,
sondern das harte Herz, das sie weint.

*

Die Gegenwart ist ein Anachronismus.

*

Die Goldwaage kommt immer dann
zum Einsatz, wenn Tand gewogen wird.

*

Ein Tag, kalt genug, um sich daran
zu erinnern, dass Fäustlinge
besser wärmen als Fingerhandschuhe.

*

Nichts eignet sich besser zum Ausrutschen
als der Schnee von gestern.

*

Wer sich erinnert,
muss nicht zurückschauen.

*


Die Wahrheit ist nicht wählerisch. Oftmals genügt es
ihr schon, dass sich jemand verplappert.

*

In der Hoffnung, für einen Querdenker gehalten
zu werden, legt er fleißig seinen Kopf schief.

*

Seine Gedankenwelt ist so interessant
und einladend wie der Hochsicherheitstrakt
einer Haftanstalt. Er hat sie voll im Begriff.

*

Er äußert niemals seinen Ärger,
sondern immer nur sein Unverständnis.
So darf ihn selbst der Allerdümmste
für nicht sehr gescheit halten.

*

Umgekehrt äußert er sein Verständnis
immer schon zu einem Zeitpunkt, da noch
gar nicht feststeht, ob er nicht auch
zum Verstehen wird gelangen können.

*

Verständnis verhält sich zum Verstehen
wie Gnade zum Recht.

*

Philosophen unter sich.
Diogenes zu Sokrates: “Ich weiß, dass du
nichts weißt." Sokrates zu Diogenes:
“Geh mir aus der Tonne!"

*

Eins wird Sokrates gewusst haben: Dass ihm
ein glänzender Gedanke gekommen war.

*

Jean-Jacques Rousseau.
Ein naturbelassener Philosoph.

*

In seinen Schriften denkt er nach über die Natur.
Und in der Natur über seine Schriften.

*

Monokultur. Mancher zieht in seinem
Gedankengarten nichts als Vergleiche.

*

Er gilt als ein so origineller Kopf, dass er
vermutlich keinen Gedanken zweimal denkt.

*

Den Denker küsst die Muse
auf die Stirn. Den Dichter auf den Mund.

*

Man soll nie Nietzsche sagen.

*

Ein geistreicher Gedanke.
An den Bettelstabreim gekommen.

*

Don Quichotte und Rosinante. Manchmal
lohnt es, Ross und Reiter zu nennen.

*

Arme Klassiker!
Von jedermann herbeizitiert.

*

Ein gordischer Knoten.
Schlug sich so durch...

*

Bodenloser Tiefsinn.

*

Einen Exhibitionisten
kann man nicht bloßstellen.

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Seit er sich ein zweites Standbein geschaffen hat,
bewegt er sich gar nicht mehr.

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Eine Organisation existiert genau so lange,
wie noch ein Funktionär von ihr leben kann.

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Überflieger können nirgends landen.

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Den Schwimmer schreckt nicht die Tiefe,
sondern die Weite des Meeres.

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Der Lügner. Alle seine Träume
werden wahr.

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Als sie seiner nicht habhaft werden konnten,
hängten sie seine Bilder auf.

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Schlechte Kunst verleugnet ihre Herkunft.
Und hofft auf Epigonen.

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Festverankerte Überzeugungen
brauchen ständig einen neuen Anstrich.

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Auch schräge Musik
kann an glückliche Tage erinnern.

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Der Spiegel. Er lügt mir frech ins Gesicht!

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Für wirklich Wertvolles
kann man nichts kaufen.

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Womit die trösten, denen nichts fehlt?

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Der Not zu gehorchen ist einfacher,
als dem Überfluss zu widerstehen.

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Berufungen enden gerne
im Berufsmäßigen.

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Freiräume haben Gummiwände.

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In der Psychiatrie. Ich armer Gesünder!

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Muss ich erst krank werden,
damit du mich verwöhnst?

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Mancher muss sich erst fangen,
bevor er frei atmet.

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Alles eigens Betonte
wirkt nachträglich übertrieben.

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Voreilige Schlüsse soll man ziehen lassen.

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Nicht jede Ursache weiß um ihre Wirkung.

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Wer sich selber kennt, hat vielleicht
einen Bekannten. Aber noch keinen Freund.

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Wesensverändert?
Eine reizvolle Vorstellung.

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Hätten wir gelernt, in den Tag hinein zu leben,
stünden wir nicht jeden Abend
so ratlos vor seinem Ausgang.

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Ein abendfüllender Gedanke.

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Im Nachhinein gibt´s überall Spuren.

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Schweigeminute.
Ein gemeinplätziges Stillesein.

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Die Wahrheit ist das Erlebte.

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Es liegt ihm etwas auf der Zunge.
Das will nicht zergehen.

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Das Omega ist der Torbogen,
durch den auch das Alpha muss.

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Meine taumeligen Schmetterlingsgedanken.

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Das schwerste Schicksal?
Keins gehabt zu haben.

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Das Buch des Lebens.
Eventuell noch antiquarisch.

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Wer weiß, dass es einen Gott gibt,
hat seinen Glauben verloren.

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Wendest du dich an den lieben Gott,
denk daran: Es geht ihm gerade so wie dir.

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Stille trat ein,
und er nickte ihr zerstreut zu.

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Weniger ist mehr. Mehr oder weniger.

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Zu guter Letzt: Erhebt die Herzen
und tragt die Nasen nicht so hoch!

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Bin ich denn nichts?
schluchzte das Nichts. Untröstlich.

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Herbst... Ihn frömmelt.

 


 

Mach dir keinen Kopf | Ein Kopf muss sich nicht behaupten
Aphorismen-Notizen | Sammelband Aphorismen

 

APHORISMEN

Mach dir keinen Kopf

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ist unterm Strich

Ein Kopf muss sich
nicht behaupten

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