Franz Christoph Schiermeyer

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ZWISCHEN DEN ZEILEN IST UNTERM STRICH

 


 

387 Aphorismen, Books on Demand, Mai 2018

Hier erhältlich

 


 

[613]  Zwischen den Zeilen ist unterm Strich.

[614]  Beim Aphoristiker: Darf´s etwas weniger sein?

[615]  Die Dinge sind, wie sie sind. Aber wer macht sie so?

[616]  Alle Freundlichkeit ist aus der Welt. An ihrer Stelle nur noch: Was kann ich für Sie tun?

[617]  Früher war alles besser. Aber nichts gut.

[618]  Ein Provinznest. Mit reichlich Kuckuckseiern.

[619]  Nur eine Ausnahmesituation, tröstet sich das gerupfte Huhn.

[620]  Der Ängstliche fürchtet Personen. Der Furchtlose Situationen.

[621]  Ein Verstand, so scharf wie ein Messer. Leider neben einem Teller Suppe.

[622]  Keine Angst, sagte die Würgeschlange zum Warzenschwein. Ich habe alles im Griff.

[623]  In der Schule. Mancher bekommt nur Wunden beigebracht.

[624]  Das Rabenkind liebt niemanden mehr als seine Rabenmutter.

[625]  Die Kindheit ist das am weitesten verbreitete Schicksal.

[626]  Kinder müssen alles anfassen. Erwachsene alles andenken.

[627]  Gibt es etwas Schändlicheres, als ein Thema nur mal kurz anzureißen und dann halbtot liegenzulassen?

[628]  Frucht der Nachhaltigkeit. Erstes Biokind geboren!

[629]  Die herrlichsten Früchte werden in der irrigen Meinung hervorgebracht, sie seien für den Eigenverbrauch bestimmt.

[630]  Was einem die eigene Mutter ist, wissen am besten deren andere Kinder.

[631]  Er tut alles dafür, dass seine Kinder später einmal besser machen.

[632]  Altersweisheit ist die Form von Dummheit, zu der ein Kind erst noch heranreifen muss.

[633]  Sie gibt ihr Alter mit einer Anzahl von Jahren an, die eher durch Subtraktion als Addition zustande gekommen zu sein scheint.

[634]  Mit Kindern kann man nicht viel mehr richtig machen, als dass man sie hat.

[635]  Einem halb eingeschlagenen Nagel kann man keine neue Richtung geben.

[636]  Wer seine Phantasie spielen lässt, darf sich nicht wundern, wenn sie schmutzig nach Hause kommt.

[637]  Altersmilde. Er klagt über die ersten Zimperlein.

[638]  Manche Köche wissen gar nicht, was sie anrichten.

[639]  Einen guten Koch muss man sich warmhalten.

[640]  Schlaraffenland ist überall dort, wo das Zubereiten der Speisen größeres Vergnügen bereitet als das Essen.

[641]  Woher nimmt das Geschmacklose seinen Bei- und Nachgeschmack?

[642]  Passionsspiel. Der Oberammer-GAU.

[643]  Je geringer die Gefahr ist, daran sterben zu müssen, desto frömmer hängen die Leute am Kreuz.

[644]  Geistliche sind Gläubige, die dem lieben Gott gern mal zu nahe treten.

[645]  Die Bibel. Eine äußerst strapazierfähige Auslegeware.

[646]  Der Katholizismus ist ein Geschenk, für das man sich sein Lebtag bedanken kann.

[647]  Ob es einen Gott gibt, ist seine Sache.

[648]  Die Kirchen. Miteinander über Kreuz.

[649]  Boulevardzeitung. Eine Überschrift ohne was drunter.

[650]  Der Comedian. Er bricht in einen Scherz aus.

[651]  Weltenbummler: Globetrottel.

[652]  Lärm macht laut.

[653]  Schweigen kann man auch allein. Zur Stille braucht es zwei.

[654]  Er denkt so tief - und ist ein so stilles Wasser -, dass seine Frau ihm strikt verboten hat, allein in die Badewanne zu steigen.

[655]  Täglich bügelt sie ihm seine Sachen auf. Er ist aber noch nicht aus der Tür, schon legt er seine Stirn wieder in Falten.

[656]  Die irrige Vorstellung, Stille durch Ruhe wiederherstellen zu können.

[657]  Keine Stille gleicht der anderen.

[658]  Für ein Echo riskiert mancher seinen Ruf.

[659]  Rede sich, wer kann!

[660]  Dass in Büchern sehr viel mehr geblättert als gelesen wird, unterstreicht nur ihre unmittelbar erfrischende Wirkung.

[661]  Aphorismen dürfen einander widersprechen. Das unterscheidet sie von Leersätzen.

[662]  Ratschlag eines Aphoristikers: Nimm in Augenschein und zieh in Betracht! Du musst nicht alles fokussieren.

[663]  Modalitäten. Er befindet sich stets in einem anderen Modus.

[664]  Fokusmodushokuspokus.

[665]  Neue deutsche Rechtschreibung: rau und ro.

[666]  Aus Ernst kann leicht Spiel werden.

[667]  Dem Humanen am nächsten ist der Humor.

[668]  Im Scherz liegt aller Ernst der Welt. Im Ernst ihr ganzes Elend.

[669]  Arztbesuch. Wenn der Kranke sich zum Armen schleppt.

[670]  In der Medizin sollen künftig verstärkt künstliche Kunstfehler zum Einsatz kommen.

[671]  Sie begeistert sich für Krankheiten jeglicher Art, kann sich aber für keine entscheiden.

[672]  Jeder weiß, dass er sterben muss. Aber nicht alle glauben daran.

[673]  Die Zeit, die er dem Tod durch regelmäßige Gymnastik abtrotzt, fristet er mit Kniebeugen und Liegestützen.

[674]  Keine Zeit zu haben, ist das Kennzeichen einer vergeudeten Existenz.

[675]  Ein Auto ist das schnellste Mittel, die weitesten Umwege zu machen.

[676]  Sein Auto ist so verletzlich, dass er einen Verbandskasten stets bei sich führt.

[677]  Es soll Leute geben, die ihr Auto als Gebrauchsgegenstand misshandeln.

[678]  Der Rückwärtsgang ist eine vertrauensbildende Maßnahme zwischen den verfeindeten Autofahrern. Gebraucht wird er eigentlich nicht.

[679]  Die Gaffer weiden das Opfer aus.

[680]  Tragödien rangieren in der Publikumsgunst noch vor den Komödien.

[681]  Pseudokrupp? Völlig aus der Luft gegriffen.

[682]  Alles Endlose erschreckt. Nur immer glücklich glaubt jeder sein zu können.

[683]  Die meisten Geehrten übersehen die Schleife am Lorbeerkranz: Ein letzter Gruß.

[684]  Die letzte Ehre ist für manchen die erste.

[685]  Ein-Euro-Job. Eine kleine Habachtstellung.

[686]  Arbeitsagentur. Karrierefreier Zutritt zu allen Räumen.

[687]  Der Bedarf an Bedürftigen scheint stetig zu wachsen.

[688]  Der Verweis auf den noch Ärmeren macht den Armen noch ärmer.

[689]  Erfolge an der Arbeitsmarktfront! Eine Stellung nach der anderen genommen.

[690]  Die Piratisierung der staatlichen Betriebe ist schon erfreulich weit fortgeschritten.

[691]  Es genügt, das Wort dann zu ergreifen, wenn man sprachlos ist.

[692]  Sprache ist ständig im Fluss. Und die Zuflüsse sind stark belastet.

[693]  Zurecht misstraut er der Sprache. Jahrelang hat sie ihn verraten, und er hat es nicht gemerkt.

[694]  Es steht ihm auf der Stirn geschrieben, dass er sie jedermann bieten will.

[695]  Lass dich ruhig für dumm verkaufen! Das eröffnet konspirative Möglichkeiten.

[696]  Galeerensklaven haben jedes Recht, aus dem Ruder zu laufen.

[697]  Wenn das Maß voll ist, wird zur Mäßigung aufgerufen.

[698]  Nicht alles, was wir wahrnehmen, wollen wir auch wahrhaben.

[699]  Zwei linke Hände sind kein Ausweis von Geistesgröße.

[700]  Wenn alle an einem Strang ziehen, braucht man keinen Henker.

[701]  Wo Hand in Hand gearbeitet wird, hat keiner eine frei.

[702]  Er meditiert sich locker in den Schneidersitz, ergreift dann aber weder Zwirn noch Faden.

[703]  Selbstzensur. Die Schere im Kopf geht immer weiter auseinander.

[704]  Die Ausschreibung für den Sprecherposten war erfrischend offen ausgefallen: Geschickter Lügner gesucht.

[705]  Er ist noch nicht sicher im Lügen. Er glaubt sich noch nicht alles, was er sagt.

[706]  Öffentlich ist er von seiner Meinung abgerückt. Aber heimlich hält er noch Kontakt.

[707]  Eine bessergestellte Frage. Mit Anspruch auf eine affektierte Antwort.

[708]  Lügen wie gedruckt. Etwas für Anfänger in vorvirtueller Zeit.

[709]  Wer die natürliche Intelligenz vertreibt, erhält die trainierten Schlaumeier.

[710]  Von Leuten, die sich nicht zu Beginn ihrer Rede straffen, darf man einen unendlichen Sermon erwarten.

[711]  Die Gedankengänge, in die er einlädt, sind so niedrig, dass man sogar bäuchlings seinen Kopf anstößt.

[712]  Öffentliche Kopfgeburt. Achtung, es folgt noch die Plazenta!

[713]  Die Chemie zwischen ihnen stimmt: Es kommt regelmäßig zur Explosion.

[714]  Am geschwätzigsten sind die Menschen, die auf die Redseligkeit anderer hinweisen.

[715]  Sie erwidern sich an.

[716]  Je mehr einer redet, desto unredlicher wirkt er.

[717]  Er hat eine klare Botschaft. Kann sie aber nicht ausrichten.

[718]  "Mach dir keinen Kopf!" Ich bemühe mich.

[719]  Sie macht ihm eine Szene. Und er daraus ein Drama.

[720]  Am beliebtesten beim Reiseweltmeister ist der Außenminister. Gleichgültig, wohin er warum reist.

[721]  Ich gestehe: Gegen den jeweiligen Innenminister bin ich voller Ressortiments.

[722]  Die sattsam bekannte Unleidlichkeit des Außenministers rührte her aus dem ständig in seiner Brust tobenden Widerstreit, was prächtiger wäre: das Amt durch ihn oder er durch das Amt.

[723]  Das Ziel der Macht ist die Macht. Nicht über lästige Bürger, sondern über gefährliche Konkurrenten.

[724]  Showdown. Sie gehen aufeinander zu.

[725]  Die mächtigsten Leute haben die eifrigsten Fürsprecher.

[726]  Die größte Macht wird mit den geringsten Mitteln errungen. Die geringste mit den größten verteidigt.

[727]  Je dümmer ein in ein hohes Amt gelangter Mensch ist, desto lauter schwillt das Geraune, wie klug er insgeheim sei.

[728]  Er hat sein Profil geschärft. Wann immer sich ein Blick auf ihn richtet, reckt er energisch das Kinn vor.

[729]  Ab und zu lässt der Mächtige ein freundliches Wort fallen. Und registriert genau, wer sich noch danach bückt.

[730]  Am Hofnarren interessiert den Mächtigen nur, wie er seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

[731]  Die Fenster der finstersten Figuren sind am festlichsten erleuchtet.

[732]  Der Empfang. Lauter hochgradig geladene Gäste.

[733]  Gipfeltreffen. Zunächst gilt es, das gemeinsame Gezetere festzulegen.

[734]  Karriereleiter. Die unten festhalten, geraten schnell aus dem Blick.

[735]  Das Volk ist das Souterrain des Staates.

[736]  Der Nichtwähler ist das bequemste Ziel untätiger Politik.

[737]  Unerwünschte Mehrheitsentscheidungen gelten der Minderheit als populistisch.

[738]  AfD? Man kann es nicht allen rechts machen.

[739]  Germanisch-depressiv.

[740]  Rechts von ihm darf es keine Partei geben. Eigentlich meinte er links.

[741]  Parlamentarismus. Das Plenum ein Vakuum.

[742]  Täten ernsthafte Politiker, was sie insgeheim für notwendig hielten, würden sie jede Misswahl gewinnen.

[743]  In manchen Ländern sind die Wahlen so geheim, dass niemand weiß, wann welche stattgefunden haben.

[744]  Nach der Wahl. Nur ein paar geplatzte Regierungswechsel.

[745]  Er dankt seiner Frau und seinen Wählern. So wahr ihm Gott helfe!

[746]  Große Koalition. Wertkonservative und Wertfreie.

[747]  Nicht jeder elder statesman war zuvor ein edler Staatsmann.

[748]  Gib acht, dass der, der seinen Hut nimmt, kein Kaninchen daraus zaubert.

[749]  Rücktritt vom Rücktritt. Der Süchtige bleibt allzeit gefährdet.

[750]  Der alte Fuchs ergreift das Wort und spricht in Richtung der jungen Hasen: Ich bitte doch sehr um konstruktive Kritik, was meine Fressgewohnheiten angeht!

[751]  Er hat sein Gesicht verloren. Und jetzt sollen alle ihm beim Suchen helfen.

[752]  Federn, die nicht beflügeln, sind ein zweifelhafter Schmuck.

[753]  Kein Staat, viel Ehrenamt.

[754]  Aus einer Versammlung der Chamäleons. Wer wird als erster rot?

[755]  In jedem Chamäleon verbirgt sich ein wahrer Löwe.

[756]  Die drei Affen. Alles hören, alles sehen, alles sagen.

[757]  Wie ärgerlich! Nicht einmal alle Pflanzen sind Vegetarier.

[758]  Katzen halten sich lieber eine Frau als einen Mann.

[759]  Klappern gehört zur Schlange.

[760]  Beobachtung im Zoo. Ein Papagei lehrt jeden reden.

[761]  Ein Aphoristiker braucht keinen Witz für eine Pointe.

[762]  Entschuldigung. An manchen Tagen fliegen einem Gedanken zu wie Mückenschwärme im Sommer. Es ist unmöglich, sie alle auf einmal totzuschlagen.

[763]  Aphorismen sind die zitierfähigen Kurzfassungen verworfener Gedanken.

[764]  Die Satire räumt das Feld. Von Tretminen.

[765]  Sie muss immer das letzte Schweigen haben.

[766]  Wie jeder weiß, tut sie sehr viel Gutes im Verborgenen.

[767]  Sie haben sich kennengelernt. Alles Gelernte aber bald wieder vergessen.

[768]  Eheschließung. Beide vertrauen sich darauf, zur Not vom anderen verlassen zu werden.

[769]  Nach der Scheidung. Wo haben Sie gedient?

[770]  Er zeigte sich ihrer Fürsorge nicht gewachsen.

[771]  Kaminholz. Hinter jedem Haus ein gewaltiger Scheiternhaufen.

[772]  Sein Gewissen ist rein wie ein Taufkleid. Und täglich zwängt er sich neu hinein.

[773]  Die Unschuld ist ein Kleid, das erst wieder passt, wenn man aus ihm herausgewachsen ist.

[774]  Er musste sein Gewissen wegwerfen. Es war schlecht geworden.

[775]  Das reine Gewissen? Eine allzu abstrakte Vorstellung.

[776]  Angesprochen auf ihre Schuld, fallen die meisten Täter in tiefe Bewusstlosigkeit.

[777]  Das Unschuldslamm. Kennen Sie andere Lämmer?

[778]  Was nützt es, jemanden zur Vernunft zu bringen, wenn er anschließend nicht bei ihr bleiben will?

[779]  Eine zündende Idee allein reicht nicht. Man muss auch genügend Stroh im Kopf haben.

[780]  Feuerwerke brennt sie nicht gerade ab. Aber mit schöner Regelmäßigkeit geht ihr ein Teelicht auf.

[781]  Prinz Tollpatsch. Mit der Tür ins Schloss gefallen.

[782]  Heiratet eine Prinzessin, fühlt sich die Erbse unter ihrer Matratze angenehm beteiligt.

[783]  Er ergriff die Gelegenheit beim Schopfe, bekam sie aber nur bei der Frisur zu fassen.

[784]  Der Schaden, den er regelmäßig anrichtet, hielte sich in Grenzen, verzichtete er anschließend auf alle Rettungsversuche.

[785]  Ein ordentlicher Tischler würde sich einer unbequemen Wahrheit sicherlich schämen. Ein ordentlicher Professor lässt sich bequem auf ihr nieder.

[786]  Doctor honoris causa. Ein ausgezeichneter Bekanntheits-Grad.

[787]  Ein Orden erster Klasse. Am Gängelband.

[788]  Preis-Verleihung. Der Geehrte sinnt darauf, wie er dem Rückgabetermin aus triftigem Grund zuvorkommen kann.

[789]  Bildungsbürgertum. Anerlesener Geschmack.

[790]  Viele seiner Aphorismen gehen schon in die sechste oder siebte Auflage. So häufig schreibt er sie in sein Büchlein hinein und wieder heraus.

[791]  Es gibt Autoren, die überschreiben ihre Bücher nur. Andere verleihen ihnen sofort die ehrenvollsten Titel.

[792]  Er ist bemüht, seine Texte so abzufassen, dass jeder, der sie überfliegen will, mit Sicherheit ins Trudeln gerät und zuverlässig abstürzt.

[793]  Im Leben eines anderen findet man sich stets besser zurecht als in seinem eigenen.

[794]  Von denen ohne jede Hoffnung werden die allerhöflichsten Redewendungen erwartet.

[795]  Wenn er kindlich nicht bleiben und erwachsen nicht werden darf, wird der Mensch irgendwann kindisch.

[796]  Er tat so überrascht, dass man vor Staunen gern woanders gewesen wäre.

[797]  Wohl immer gab es Menschen, denen der Sternenhimmel nicht gefiel. Neu ist der Typus, der ihn sich nicht mehr gefallen lassen will.

[798]  Das Universum dehnt sich nach allen Seiten aus. Möglichst weit weg von der Erde.

[799]  Macht euch die Erde untergang!

[800]  Weltuntergang. Kompetente Werbepartner gesucht!

[801]  Brandung. Wie heftig das Meer sich gegen das Festland wehrt!

[802]  Den Schwimmer schreckt nicht die Tiefe, sondern die Weite des Meeres.

[803]  Ein zu Unrecht gelobtes Land.

[804]  Der geheime Offenbarungseid des Johannes.

[805]  Götter, die sich offenbaren, geben zu erkennen, dass sie sich zu lange verborgen gehalten haben.

[806]  Je unseliger der Glaube, desto größer der Drang, ihn zu verbreiten.

[807]  Ist ein Mensch satisfaktionsfähig, wenn er einen Gott beleidigt hat?

[808]  Menschen begehen Sünden. Götter Religionen.

[809]  Um die Zukunft der Religion muss einem nicht bange sein. Die Menschheit wird sich ständig neue erfinden.

[810]  Vorstellbar ist mir eine Religion, deren Missionare im Gegenzug den Glauben der Bekehrten annehmen.

[811]  Ein Gewitter, so gewaltig, dass die Protestanten gelobten, Katholiken zu werden, und die Katholiken Christen.

[812]  Glauben ist eine Frage des Wollens. Man kann alles glauben, was man will. Sogar das, was andere wollen.

[813]  Defensor fidei. Zieh in Betracht, dass es sich um einen Pflichtverteidiger handeln könnte.

[814]  Opus Diaboli. So wenig, wie sie sich eine Religion ohne Wundmale vorstellen können, so wenig eine tiefe Empfindung ohne blaue Flecken.

[815]  Der öffentliche Zölibatär. Er steht in seinem Leben wie ein verschlossener Sarg in einem offenen Grab.

[816]  Die stille Hoffnung, dass die Toten vom Totsein mehr verstehen als die Lebenden vom Leben.

[817]  Bestimmt gibt es unter den Toten jemanden, der freiwillig über die Einhaltung der Friedhofsruhe wacht.

[818]  Wie viel mehr Grund hätten die Toten, um die Lebenden zu weinen.

[819]  Wofür gestorben wird, dafür wird auch getötet.

[820]  Militarismus. Ein Glaube, der Särge versetzt.

[821]  Mancher Zaun scheint nur errichtet, um jederzeit einen Streit von ihm brechen zu können.

[822]  Ein Blick in die Geschichtsbücher lehrt: Nicht ob ein Krieg kommt, war jemals die Frage, sondern immer nur wann.

[823]  Der Mantel der Geschichte bedeckt ihre Blößen nur notdürftig.

[824]  Krieg war gestern. Die Kunst heute besteht darin, die Erde mit friedlichen Mitteln zu zerstören.

[825]  Bald werden unsere Städte so herunter sein, dass es am billigsten kommt, sie in Gedenkstätten umzuwidmen.

[826]  Destroyhand-Gesellschaft.

[827]  Machen wir noch etwas Politik oder gehen wir gleich in die Wirtschaft?

[828] Manchem Zeitgenossen kann man nur aus dem Weg gehen, indem man auf die Straße tritt.

[829]  Deutschland hat beste Beziehungen zu allen Herrenländern.

[830]  Der Bundespräsident. Das leibliche Oberhaupt aller Deutschen.

[831]  Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Genauer: die Bundeswehr.

[832]  Was zu Deutschland gehört, zeigt die Landkarte.

[833]  Ein Hemd, das vorletzte Woche sauber war, kann heute nicht schmutzig sein.

[834]  Wir leben in schlechten Zeiten. Die Guten schämen sich.

[835]  Einen Menschen abgewandt sich schnäuzen zu sehen, nimmt hilflos für ihn ein.

[836]  Wer nicht im Guten solidarisch sein will, wird es im Bösen.

[837]  Die man nicht beschämen kann, von denen muss man sich trennen

[838]  Niemand ist so lästig präsent wie der, der nur auf sein Fortkommen bedacht ist.

[839]  Je intensiver einer an sich denkt, desto schneller vergisst er sich.

[840]  Der Finanzberater. Er hat eine exzellente Hinterziehung genossen.

[841]  Auch der Vorwurf, korrupt zu sein, wird gern persönlich genommen.

[842]  Der Bank-Nachbar aus Schulzeiten. Heute schreibt er von der Steuer ab.

[843]  Banken & Versicherungen. Hart im Nehmen.

[844]  Der Profit gilt nichts im eigenen Land.

[845] Manager: Millionizionäre.

[846]  Der Lobbyist. Voller bestechender Ideen.

[847]  Ein ganz übler Rankingschmied.

[848]  Kranke Anliegen müssen herangetragen werden.

[849]  Die Börse gibt täglich Anlass zu den wildesten Spekulationen.

[850]  Seine Absichten sind nicht halb so lächerlich wie seine Ansichten.

[851]  Eine Organisation existiert genau so lange, wie noch ein Funktionär von ihr leben kann.

[852]  Nicht in jedem Haus ist willkommen, wer etwas an den Füßen hat.

[853]  Es heißt, unsere Gesellschaft werde immer kälter. Dafür erwärmt sich das Klima.

[854]  Großfamilien sind Verbände ohne klare Strukturen: Man weiß nie, ob man noch zu den nahen Angehörigen zählt. Oder schon zu den entfernten Verwandten.

[855]  Der Monsignore. Ein rechtschaffener Arbeiter im Weinkeller des Herrn.

[856]  Nicht jeder Winzer versteht es, Wein in Wasser zu verwandeln.

[857]  Die Traube ist süß. Die Rosine süßer.

[858]  Bedürfnisse richten sich selten nach dem Bedarf.

[859]  Wie kann das Fleisch stark sein, wenn der Geist willig ist?

[860]  Alles, was ein Mensch unternimmt, soll seiner Beruhigung dienen. Auch das Aufregendste.

[861]  Alkohol: Trinkelizer.

[862]  Vor einer Versuchung ist man so lange sicher, wie die Wirkung, ihr erlegen zu sein, gerade noch anhält.

[863]  Es gibt kein größeres Geschenk als die letzte Zigarette aus der letzten Schachtel.

[864]  Alkoholismus. Die Grenzen sind fließend.

[865]  Asketen fürchten nur eins. Ihr Fett abzubekommen.

[866]  Aufgespritzte Lippen. Ihre aerogene Zone.

[867]  Ein freundliches Gesicht ist anziehender als ein schönes.

[868]  Jemanden grüßen, ist selten mehr als reine Höflichkeit. Jemanden bewusst nicht grüßen, kaum weniger als ein Verbrechen.

[869]  Unterlassenes wiegt in der Regel schwerer als Begangenes.

[870]  Fachleute bevorzugen Schubladen.

[871]  Rechtslage. Muss man einem Mörder zu verstehen geben, dass man nicht erschlagen werden möchte?

[872]  Rufmord. Das Echo plädiert auf Totschlag.

[873]  Jede Gesetzlosigkeit ist gerechter als Rechtsbeugung.

[874]  Der Prozess der Gesetzgebung wird von denen gewonnen, die über die einflussreicheren Lobbyisten verfügen.

[875]  Die Lücken des Gesetzes haben sich hinter dem Gefangenen geschlossen.

[876]  Die Anarchie ist ein Anachronismus. Ebenso wie die Gegenwart.

[877]  Wer keinen Vergleich scheut, erspart sich das Urteil.

[878]  Eine zum Himmel schreiende Gerechtigkeit.

[879]  Nach der Haftentlassung. Unbekannt vollzogen.

[880]  Vorratsdatenspeicher. Wie nachlässig! Meine Tastatur ist voller Fingerabdrücke.

[881]  Selbstzweifel, die einen beschleichen, lassen sich leicht ignorieren.

[882]  Ich übe ungern Selbstkritik. Ich bin schon perfekt darin.

[883]  Ein offenes Gesicht ist die perfekte Maske.

[884]  Einen Fehler einzugestehen, fällt leichter als eine Verfehlung.

[885]  Wenn die Leute meinen, etwas zu wissen, glauben sie, einem predigen zu dürfen.

[886]  Auch wer öffentlich beichtet, bricht das Beichtgeheimnis.

[887]  Die wenigsten Beichten werden von Priestern abgenommen.

[888]  Er will für mich beten... Ich kann das schon selber!

[889]  Eine Schneise der Versöhnung.

[890]  Der Mönch. Er führt ein Gott selbstgefälliges Leben.

[891]  Kloster. Behütetes Glauben.

[892]  Der Kardinal. Ein rechter Scharlachtan.

[893]  Das Schiff Petri. Ein alter Seelenverkäufer.

[894]  Pontifex Pilatus.

[895]  Manche Bischöfe sind sich für keinen Ecclat zu fein.

[896]  Der Mitrakult verliert laufend Anhänger ans Nirwana.

[897]  Der Besuch einer Frühmesse ist etwas für extreme Individualisten.

[898]  Die Christen schlagen das Kreuz. Und meinen den Gekreuzigten.

[899]  Der Theologe. Er ist geschickt genug, sich nicht festnageln zu lassen. Schon gar nicht aufs Kreuz.

[900]  Das Wort Kanonisieren erinnert doch sehr ans Kartätschen.

[901]  Hinge der Himmel direkt über unseren Köpfen, wollte niemand hinein.

[902]  Täuscht euch nicht, auch die Atheisten sprechen ihr Abendgebet! Sie schließen nur niemanden darin ein.

[903]  Der Bub Joseph hatte im gesamten Schuljahr keinen einzigen Tag gefehlt und sonnte sich den ganzen Sommer über im neu gewonnenen Ruf seiner Unfehlbarkeit.

[904]  Wer ist der Nächste? fragt die Bäckersfrau. Ich! reckt sich der Christ.

[905]  Nach der Auferstehung dürfte vielen der Sinn erst einmal nach einer kleinen Seelenwanderung stehen.

[906]  Bei der zu erwartenden Dauer des Jüngsten Gerichtes wird sich mancher dankbar des Ältesten Gewerbes erinnern.

[907]  Ich halte das Leben nicht für solch ein Verbrechen, dass man hinterher vor einem höchsten Richter zu erscheinen hätte.

[908]  Jegliche Art von Umkehr scheitert an der Einladung: Du kannst jederzeit wieder werden wie wir.

[909]  Die Ohrenbeichte ist gar nicht mehr gefragt. Es wäre auch viel besser, die Augen zur Beichte zu schicken.

[910]  Was du nicht tätest, wenn es Gott nicht gäbe, lass ihm zu Ehren sein.

[911]  Ein ewiges Leben? Wenn der liebe Gott nicht vorher hinwirft.

[912]  Theologie. Der umgekehrte Versuch, aus Lehm Gott zu machen.

[913]  Wer verbietet, Gott darzustellen, hat eine allzu realistische Vorstellung von ihm.

[914]  Glaubenswächter lassen mit Vorliebe andere Seelen baumeln.

[915]  Terroristen. Sensibel bis zum Anschlag.

[916]  Orient und Desorient.

[917]  Auch der Teufel will keine Scherereien. Fährst du zur Hölle, vergiss deinen Ausweis nicht.

[918]  Menschwerdung. Gott hat sich aus dem Staub gemacht.

[919]  Ein witwenhaftes Wesen, dem nur der Richtige noch nicht gestorben ist.

[920]  Es heißt, sie sei gutmütig aus reiner Bosheit.

[921]  Frau Gott. Ein klarer Fall von BiGotterie.

[922]  Der Ton macht die Musik. Unglücklicherweise hat er das absolute Gehör.

[923]  Ihre größten Auftritte feierte sie an der Escala.

[924]  Anerkennung erfreut, Applaus beschämt.

[925]  Der betrogene Schmeichler. Er weiß nicht, wie recht er hat.

[926]  Idealisten müssen nicht zwangsläufig enttäuscht sein. Sie können auch andere enttäuschen.

[927]  Was er sich früher zu Herzen nahm, nimmt er sich heute nur noch zur Brust.

[928]  Die Goldwaage kommt immer dann zum Einsatz, wenn Tand gewogen wird.

[929]  Die Decke wird wissen, warum sie den Leuten auf den Kopf fällt. Und nicht in den Schoß.

[930]  Sogar die Langeweile hängt ihm schon zum Hals heraus.

[931]  Eitler Sonnenschein. Ich schütze mich mit einem Regenschirm.

[932]  Den ganzen Spaziergang über beschäftigte ihn die Frage, ob man von einem leichten Regen überrascht werden kann.

[933]  Früher ließ man seine Augen wandern. Heute schickt man sie joggen.

[934]  Täglich kommen sommers ein Eis- und ein Obsthändler ins Dorf. Hält der eine, bin ich in Erwartung des anderen.

[935]  Ein mitfühlender Zeitgenosse. Freundlich geht er von Tür zu Tür, stellt ein Schild auf, zündet eine Kerze an und legt eine Blume nieder. Auf dem Schild steht ein einziges Wort: Warum?

[936]  Nicht die Träne ist sentimental, sondern das harte Herz, das sie weint.

[937]  Wer über jeden schlecht redet, spricht von dir gewiss nicht gut.

[938]  Ein Tag, kalt genug, um sich daran zu erinnern, dass Fäustlinge besser wärmen als Fingerhandschuhe.

[939]  Nichts eignet sich besser zum Ausrutschen als der Schnee von gestern

[940]  Wer sich erinnert, muss nicht zurückschauen.

[941]  Hätten wir gelernt, in den Tag hinein zu leben, stünden wir nicht jeden Abend so ratlos vor seinem Ausgang.

[942]  Ein abendfüllender Gedanke.

[943]  Die Wahrheit ist nicht wählerisch. Oftmals genügt es ihr schon, dass sich jemand verplappert.

[944]  In der Hoffnung, für einen Querdenker gehalten zu werden, legt er fleißig den Kopf schief.

[945]  Seine Gedankenwelt ist so interessant und einladend wie der Hochsicherheitstrakt einer Haftanstalt. Er hat sie voll im Begriff.

[946]  Er äußert niemals seinen Ärger, sondern immer nur sein Unverständnis. So darf ihn selbst der Allerdümmste für nicht sehr gescheit halten.

[947]  Umgekehrt äußert er sein Verständnis immer schon zu einem Zeitpunkt, da noch gar nicht feststeht, ob er nicht auch zum Verstehen wird gelangen können.

[948]  Verständnis verhält sich zum Verstehen wie Gnade zum Recht.

[949]  Philosophen unter sich. Diogenes zu Sokrates: Ich weiß, dass du nichts weißt. Sokrates zu Diogenes: Geh mir aus der Tonne!

[950]  Eins wird Sokrates gewusst haben: Dass ihm ein glänzender Gedanke gekommen war.

[951]  Jean-Jacques Rousseau. Ein naturbelassener Philosoph.

[952]  In seinen Schriften denkt er nach über die Natur. Und in der Natur über seine Schriften.

[953]  Monokultur. Mancher zieht in seinem Gedankengarten nichts als Vergleiche.

[954]  Er gilt als ein so origineller Kopf, dass er vermutlich keinen Gedanken zweimal denkt.

[955]  Den Denker küsst die Muse auf die Stirn. Den Dichter auf den Mund.

[956]  Man soll nie Nietzsche sagen. Aber ihn fröhlich im Herzen tragen.

[957]  Don Quichotte und Rosinante. Manchmal lohnt es, Ross und Reiter zu nennen.

[958]  Arme Klassiker! Von jedermann herbeizitiert.

[959]  Ein gordischer Knoten. Schlug sich so durch...

[960]  Bodenloser Tiefsinn.

[961]  Ein geistreicher Gedanke. An den Bettelstabreim gekommen.

[962]  Überflieger können nirgends landen.

[963]  Einen Exhibitionisten kann man nicht bloßstellen.

[964]  Seit er sich ein zweites Standbein geschaffen hat, bewegt er sich gar nicht mehr.

[965]  Festverankerte Überzeugungen brauchen ständig einen neuen Anstrich.

[966]  Der Lügner. Alle seine Träume werden wahr.

[967]  Als sie seiner nicht habhaft werden konnten, hängten sie seine Bilder auf.

[968]  Schlechte Kunst verleugnet ihre Herkunft. Und hofft auf Epigonen.

[969]  Auch schräge Musik kann an glückliche Tage erinnern.

[970]  Vorm Spiegel. Er lügt mir mitten ins Gesicht!

[971]  Für wirklich Wertvolles kann man nichts kaufen.

[972]  Womit die trösten, denen nichts fehlt?

[973]  Der Not zu gehorchen ist einfacher, als dem Überfluss zu widerstehen.

[974]  Berufungen enden gewöhnlich im Berufsmäßigen.

[975]  Schweigeminute. Ein gemeinplätziges Stillesein.

[976]  Alles eigens Betonte wirkt nachträglich übertrieben.

[977]  Voreilige Schlüsse soll man ziehen lassen.

[978]  Meine taumeligen Schmetterlingsgedanken.

[979]  In der Nervenheilanstalt. Ich armer Gesünder!

[980]  Muss ich erst krank werden, damit du mich verwöhnst?

[981]  Mancher muss sich erst fangen, bevor er frei atmet.

[982]  Wer sich selber kennt, hat vielleicht einen Bekannten. Aber noch keinen Freund.

[983]  Wesensverändert? Nimm´s als verunglücktes Lob.

[984]  Freiräume haben Gummiwände.

[985]  Nicht jede Ursache weiß um ihre Wirkung.

[986]  Es liegt ihm etwas auf der Zunge. Das will nicht zergehen.

[987]  Im Nachhinein gibt´s überall Spuren.

[989]  Das Omega ist der Torbogen, durch den auch das Alpha muss.

[988]  Die Wahrheit ist das Erlebte.

[990]  Wendest du dich an den lieben Gott, denk daran, es geht ihm gerade so wie dir.

[991]  Wer weiß, dass es einen Gott gibt, hat seinen Glauben verloren.

[992]  Das Buch des Lebens. Eventuell noch antiquarisch.

[993]  Das schwerste Schicksal? Keins gehabt zu haben.

[994]  Stille trat ein, und er nickte ihr zerstreut zu.

[995]  Jeder weiß alles. Er weiß es nur nicht.

[996]  Zu guter Letzt: Erhebt die Herzen und tragt die Nasen nicht so hoch!

[997]  Bin ich denn nichts? schluchzte das Nichts. Untröstlich.

[998]  Weniger ist mehr. Mehr oder weniger.

[999]  Herbst... Ihn frömmelt.

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